ein Film von
    Ulrike OTTINGER


Pressezitate


Frankfurter Allgemeine Zeitung
17. Feb. 2007, Nr. 41 S. 38

Wiener Schnitzel im Akkord
Skelette auf Rollbändern und mechanische Paviane:
Ulrike Ottingers "Prater"
Von Leonie Wild

Fisch floppte. In den zwanziger Jahren eröffnete die erste "Fischbratstube" im Wiener Prater, aber: "Der Wiener wollte den Fisch nicht haben." Lieber waren ihm die Riesenfrau aus Tirol, der Mann ohne Unterleib, die Show der Kleinwüchsigen oder das Dorf der afrikanischen Aschanti. Zu den Attraktionen des Praters, dem einstigen Sündenpfuhl mit Sicht auf den Stephansdom, zählten seit seinen Anfängen bizarre Gestalten. Alsbald rückte wieder das Schnitzel auf den Speiseplan.

Für Ulrike Ottinger, die schon 1981 in "Freak Orlando" Bartfrauen, Hermaphroditen und siamesische Zwillinge auftreten ließ, wird der Rummel zum Schauplatz einer gleichermaßen märchenhaften wie ernüchternden Dokumentation. Der Anfang von "Prater" gehört den Fratzen, mit weitaufgerissenen Mäulern und blinkenden Augenhöhlen. Skelette wandern auf Rollbändern, ein mechanischer Pavian zieht am Joint. Aus dem Off erzählt Schauspieler Peter Fitz in der Manier eines Märchenonkels über die Geschichte des Praters. Für Elias Canetti, neben Erich Kästner einer der zitierten Zeitzeugen, war die Geisterbahn das "Maul zur Hölle".

Urenkelinnen des "Manns ohne Unterleib", der zu einem der Urväter des Vergnügungsparks wurde, schwelgen über Familienfotos, der Restaurator "Prater-Heinzi" führt durch seine Werkstatt, in der er ausgemusterte Fahrgestelle pflegt.

Ulrike Ottinger dokumentiert das wahre, anekdotenreiche Märchen, das der Prater symbolisiert, etwa wenn sich eine indische Großfamilie für das Souvenirfoto in Gewänder der Jahrhundertwende schmei§t und zur k.u.k.-Dynastie mutiert. Dass der Prater eine Scheinwelt ist, ein vorgeblicher Kindertraum, beweist auch die Sequenz mit Ottingers angestammter Akteurin Veruschka von Lehndorff. Heute, dreiundzwanzig Jahre später, windet sie sich in "Prater" in Zerrspiegeln, verliert ihre Kontur. Als Vertreterin der literarischen Fiktion erinnert sich Elfriede Jelinek an den Prater ihrer Kindheit: "Wie eine verirrte Billardkugel" sei sie, harsch von der Mutter gemaßregelt, über den Rummel gependelt. Jelinek steckt den Kopf durch eine Pappkulisse und landet in den Armen King Kongs. Mit solchen Szenen rekapituliert Ottinger spielerisch die Utopie des Praters, ein "melting-pot" zu sein, der visuell, sozial und kulturell für Verschmelzung sorgt.

Doch so sehr die Illusion bezaubert und bei der Uraufführung im Forum der Berlinale seliges Kinderlächeln heraufbeschwören wird: "Prater" erspart nicht die desillusionierende Realität, die dem Vergnügungspark innewohnt. Ausschnitte aus NS-Propagandafilmen zeigen Agitation gegen das "Völkergemisch", Archivfotos zeigen die Brandruinen 1945. Ottinger filmt stramme Burschen, dickgesichtig und potent, eben noch auf der Wasserrutsche, die sich verstohlen über die klammen Lederhosen wischen. Die Kamera hält auf triste Schießbuden. Sie dreht sich mit alternden Tanzpaaren im Kreis, die ins Klischee einsamer Herzen passen, das Haar toupiert, Nietengürtel, Schlangenleder.

Klein und unbeachtet sitzt die über 85jährige Seniorin eines legendären Prater-Wirtshauses neben der Theke, an der Dutzende Kellner im Akkord Schnitzel stemmen. Die alte Dame steht für einen Rummel, der im 15-Minuten-Takt Stummfilme zeigte, eine Sensation im Jahr 1905. Und doch ist Wehmut inadäquat: "Prater" lässt sogar für den morbiden Charme Zuneigung entstehen. Ein poetischerer, beglückenderer Abgesang, als Ottinger ihn leistet, ist schwer vorstellbar.