ein Film von
    Ulrike OTTINGER


Pressezitate


Berliner Zeitung
17. Feb. 2007, Nr. 41 S. 32

Schießbuden als Ersatz für die große Jagd
Ulrike Ottinger spaziert durch den Wiener "Prater" (Forum)
Von Christina Bylow

Der Prater-Heinz, Nachkomme einer alten Schausteller-Dynastie, sagt es deutlich: Die Elektronik ist fad, "man kann sie nicht durchschauen". Auf dem Wiener Prater, dem ältesten Vergnügungspark der Welt, hat die Elektronik längst Einzug gehalten, aber noch immer existiert dort die Parallelwelt der Mechanik. Das Affenorchester, die Skelette ohne Kopf, die Gorillas mit ihren Greifarmen - alle bewegen sich in jener holprigen Langsamkeit der vor-elektronischen Epoche. Die Puppenmechanik hat zwar den Schein des Echten, verleugnet seine Künstlichkeit aber nie - das unterscheidet sie von den heutigen virtuellen Spielwelten.

Ulrike Ottinger ist auf den Prater gegangen wie in ein fremdes Land und fand dort Miniaturwelten vor, die immer schon mehr als nur Substitut der großen Welt für die "kleinen" Leute waren. Die implantierten exotischen Dörfer mitsamt der "Eingeborenen" als lebendes Postkartenbild kolonialer Eroberungspolitik, die Schießbuden, als Ersatz für die große Jagd, die Auto-Scooter als schwacher Trost für das Auto, das man sich nicht leisten konnte, die Herumwirbel- und Durchschüttelmaschinen für die kurzen Reize in Ermangelung größerer Rauscherlebniße. Nein, der Prater ist immer schon ein Kosmos für sich selbst gewesen, ein Zufluchtsort für Bürgerkinder, die sich der mütterlichen Kontrolle entziehen wollten. Elfriede Jelinek, die dem Prater ebenso wie andere Schriftsteller ihre Referenz erweist, sagt, fest im Griff des Gorillas: "Der Prater hätte nichts als ein Kescher sein können, der einen hätte herausholen können."

Wie auch in ihren Osteuropa-Filmen geht Ulrike Ottinger nie ohne Bücher auf Reisen - Elias Canetti, Erich Kästner, Josef von Sternberg sind literarische Splitter in einem Kaleidoskop, das sich auf die Herkunft des Kinos aus dem Geist des Jahrmarkts besinnt. Um den Schauwert des Abnormen ging es hie wie da, um die Illusion von Geschwindigkeit und Bewegung, um das Sich-Zeigen und in die Irre führen. Deshalb auch führt eine maskenhaft zugerichtete Veruschka im Barbarella-Kostüm durchs Spiegelkabinett, stilisiert zur mythischen Gestalt, angesiedelt zwischen Kunst und Gruselkabinett. Ihre Erzähler-Stimme mischt sich mit den Lust-Angst-Schreien des Publikums in den Achterbahnen und den ewig-gleichen Leierkastenwalzern zu einer Partitur über die Schrecken des Vergnügens. Auch das flaue Gefühl in der Magengrube gehört unbedingt dazu. Ottinger läßt die Kamera Achterbahn fahren und weit in den Wiener Sternenhimmel hochschießen - wer sich in die Vergnügungsmaschine des Kinos begibt, liefert sich aus.